Überschüssiger Solarstrom: Wohin er fliesst und wie er sinnvoll genutzt wird
    Bild: Carlos Lindner
    Aus dem Alltag· 7 Min.

    Überschüssiger Solarstrom: Wohin er fliesst und wie er sinnvoll genutzt wird

    Überschüssiger Solarstrom verschwindet nicht einfach. Wird er im Gebäude nicht direkt genutzt, fliesst er ins öffentliche Stromnetz, kann gespeichert oder lokal weitergegeben werden. Welche Wege der Solarstrom dabei nimmt und welche Möglichkeiten heute für eine sinnvolle Nutzung bestehen, erfahren Sie in diesem Beitrag.

    Carlos Lindner
    Geschrieben von
    Carlos Lindner
    Veröffentlicht ·Aktualisiert ·7 Min. Lesezeit

    Es ist ein sonniger Tag Anfang Juni in Winterthur. Auf dem Dach eines Mehrfamilienhauses produzieren die Solaranlagen zuverlässig Strom. Im Gebäude selbst ist dagegen wenig los. Die meisten Bewohnerinnen und Bewohner sind bei der Arbeit. Einige sitzen im Büro, andere stehen auf der Baustelle in der Sonne. Zwei Studierende lernen im Hinteren Hecht für die bevorstehenden Prüfungen.

    Auf den Parkplätzen stehen noch keine Elektroautos. Die Ladeinfrastruktur wurde zwar bereits vorbereitet, doch die meisten fahren weiterhin mit Benzin oder Diesel. Die Studierenden im Haus bewegen sich ohnehin lieber mit dem Fahrrad durch Winterthur.

    Auch der Energiebedarf im Gebäude ist an diesem warmen Frühsommertag gering. Geduscht wurde bereits am Morgen, das Warmwasser ist aufgeheizt und geheizt werden muss schon lange nicht mehr.

    Die Solaranlagen produzieren jedoch weiter Strom. Stunde für Stunde entsteht mehr Energie, als im Gebäude aktuell benötigt wird.

    Solche Situationen sind längst keine Ausnahme mehr. Mit dem Ausbau der Photovoltaik entstehen an sonnigen Tagen regelmässig Überschüsse. Ob Einfamilienhaus, Mehrfamilienhaus oder Gewerbegebäude: Je nach Grösse der Solaranlage lässt sich dies kaum vermeiden.

    Was geschieht mit diesem Strom? Geht die Energie verloren, wird sie gespeichert oder gelangt sie zu anderen Verbrauchern? Die Antwort darauf ist einfacher, als viele vermuten. Gleichzeitig zeigt sie, weshalb die Frage nach der Nutzung von Solarstrom heute wichtiger wird als die reine Stromproduktion

    Was geschieht mit diesem Solarstrom?

    Viele Menschen stellen sich vor, dass ihr Solarstrom nach der Einspeisung quer durch die Schweiz transportiert wird. Tatsächlich bleibt ein grosser Teil deutlich näher am Ort der Produktion.

    Der Strom aus dem Mehrfamilienhaus in Winterthur verschwindet also nicht irgendwo im Netz. In vielen Fällen wird er bereits wenige Häuser weiter wieder verbraucht. Vielleicht bereitet jemand in der Nachbarschaft gerade das Mittagessen zu, betreibt eine Wärmepumpe oder arbeitet im Homeoffice.

    Physikalisch fliesst Strom bevorzugt dorthin, wo er gerade benötigt wird. Erst wenn in der näheren Umgebung kein ausreichender Bedarf besteht, fliesst die Energie über die Verteilnetze in übergeordnete Netzebenen weiter.

    Der Strom vom eigenen Dach landet deshalb häufig näher, als viele vermuten.

    Geht die Energie verloren?

    Die kurze Antwort lautet: Nein.

    Strom muss in dem Moment genutzt oder gespeichert werden, in dem er produziert wird. Wird er im Gebäude nicht direkt verbraucht, verlässt er die Liegenschaft und fliesst ins öffentliche Stromnetz. Von dort gelangt er dorthin, wo er gerade benötigt wird.

    Man könnte also sagen: Strom ist ausgesprochen hilfsbereit. Kaum wird er an einem Ort nicht mehr gebraucht, macht er sich bereits auf den Weg zum nächsten Verbraucher.

    Dort wird die Energie von anderen Verbrauchern genutzt. Alternativ kann sie auch in einem Batteriespeicher für später zurückgehalten werden.

    Die eigentliche Frage lautet deshalb heute nicht mehr, ob Energie verloren geht, sondern wie sie möglichst sinnvoll genutzt werden kann.

    Warum wird überschüssiger Solarstrom immer wichtiger?

    Noch vor wenigen Jahren war die Antwort auf diese Frage einfach: Überschüssiger Solarstrom wurde ins öffentliche Netz eingespeist und vergütet.

    Mit dem starken Ausbau der Photovoltaik in den letzten Jahren hat sich die Situation jedoch verändert. Immer mehr Dächer produzieren gleichzeitig Strom, insbesondere an sonnigen Frühlings- und Sommertagen. Dadurch entstehen zeitweise grosse Energiemengen, die von den bestehenden Stromnetzen aufgenommen werden müssen.

    Gleichzeitig verändert sich auch unser Umgang mit Energie. Über viele Jahre hinweg galt es als sinnvoll, möglichst viel Strom in die Nachtstunden zu verlagern. Nachtstrom war günstiger, weshalb Waschmaschinen, Boiler oder andere Verbraucher häufig nachts betrieben wurden.

    Mit dem Ausbau der Photovoltaik verschiebt sich diese Logik zunehmend. Heute steht Energie oft dann im Überfluss zur Verfügung, wenn die Sonne scheint. Wer möglichst viel Solarstrom selbst nutzen möchte, versucht deshalb vermehrt, seinen Verbrauch in die Tagesstunden zu verlagern.

    Gleichzeitig sind die Vergütungen für eingespeisten Solarstrom vielerorts gesunken. Zudem stellt die gleichzeitige Einspeisung grosser Energiemengen die Stromnetze zunehmend vor Herausforderungen. Für Eigentümerinnen und Eigentümer einer Solaranlage wird es deshalb immer interessanter, den selbst produzierten Strom möglichst vor Ort zu nutzen, zu speichern oder lokal zu verkaufen.

    Genau deshalb rückt nicht mehr nur die Stromproduktion in den Fokus, sondern zunehmend auch die Frage, wie und wo die erzeugte Energie genutzt wird. Batteriespeicher, intelligente Energiemanagementsysteme und Energiegemeinschaften schaffen dafür neue Möglichkeiten.

    Welche Möglichkeiten gibt es heute?

    Für die Bewohnerinnen und Bewohner des Mehrfamilienhauses in Winterthur stellt sich nun eine praktische Frage: Was soll mit dem Strom geschehen, der an diesem sonnigen Junitag nicht direkt benötigt wird?

    Die Eigentümerschaft hat bereits einen Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (ZEV) gegründet. Die Bewohnerinnen und Bewohner nutzen den Solarstrom deshalb bereits direkt im Gebäude. Trotzdem produziert die Solaranlage an diesem Tag mehr Energie, als aktuell verbraucht werden kann.

    Die Antwort auf die Frage nach diesem Überschuss fällt heute deutlich vielfältiger aus als noch vor wenigen Jahren.

    • Strom direkt selbst nutzen Oft ist die einfachste Lösung gleichzeitig die wirtschaftlichste. Wärmepumpen, Warmwasseraufbereitungen, Elektroautos oder andere Verbraucher können gezielt dann betrieben werden, wenn die Solaranlagen Strom produzieren. Dadurch wird aus überschüssiger Energie direkt nutzbarer Eigenverbrauch.
    • Strom speichern Batteriespeicher können überschüssige Energie aufnehmen und zu einem späteren Zeitpunkt wieder bereitstellen, beispielsweise am Abend oder in der Nacht. Dadurch bleibt ein grösserer Anteil der produzierten Energie im eigenen Gebäude.
    • Strom lokal weitergeben Nehmen wir das Mehrfamilienhaus aus Winterthur: Die Eigentümerschaft könnte den überschüssigen Solarstrom beispielsweise über einen virtuellen Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (vZEV) an benachbarte Mehrfamilienhäuser weitergeben. Über eine lokale Elektrizitätsgemeinschaft (LEG) kann überschüssige Energie innerhalb eines grösseren Gebiets an weitere Teilnehmende verkauft werden. Je nach Ausgestaltung einer solchen Energiegemeinschaft profitieren davon nicht nur einzelne Gebäude, sondern ganze Quartiere mit mehreren hundert Haushalten.
    • Strom ins öffentliche Netz einspeisen Natürlich bleibt auch die klassische Einspeisung weiterhin ein wichtiger Bestandteil des Energiesystems. Nicht jeder Überschuss kann gespeichert oder lokal genutzt werden. Das öffentliche Stromnetz übernimmt deshalb weiterhin eine zentrale Rolle.

    Was bedeutet das für den Alltag?

    Für Eigentümerinnen und Eigentümer bedeutet dies vor allem eines: Überschüsse sind kein Zeichen dafür, dass eine Solaranlage falsch geplant wurde. Im Gegenteil. Wer das verfügbare Dach sinnvoll nutzt, produziert an sonnigen Tagen fast zwangsläufig mehr Strom, als gerade benötigt wird.

    Die eigentliche Herausforderung besteht deshalb nicht darin, Überschüsse zu vermeiden. Entscheidend ist, wie diese Energie genutzt wird.

    Die Wärmepumpe kann den Warmwasserspeicher aufladen, das Elektroauto kann dann geladen werden, wenn die Sonne scheint, und Batteriespeicher können Energie für die Abendstunden zurückhalten.

    Auch Energiegemeinschaften gewinnen zunehmend an Bedeutung. Statt überschüssige Energie ausschliesslich ins öffentliche Netz einzuspeisen, kann sie innerhalb eines Gebäudes, zwischen mehreren Liegenschaften oder sogar innerhalb einer Gemeinde genutzt werden.

    Der Fokus verschiebt sich damit langsam. Weg von der Frage, wie viel Strom produziert wird, hin zur Frage, wie und wo dieser Strom möglichst sinnvoll genutzt werden kann.

    Nächster Schritt

    Mehr aus Ihrem Solarstrom herausholen

    Wir analysieren Ihre Situation und zeigen Ihnen auf, wie überschüssiger Solarstrom sinnvoll genutzt werden kann, beispielsweise mit einem Batteriespeicher, einer Energiegemeinschaft oder einer optimierten Eigenverbrauchsstrategie.

    Häufige Fragen

    Häufige Fragen

    Nein. Solarstrom, der im Gebäude nicht direkt genutzt wird, verschwindet nicht. Er wird ins öffentliche Stromnetz eingespeist und vom Energieversorger gemäss den geltenden Vorgaben vergütet.

    In den meisten Fällen nicht. Eine Solaranlage wird für mehrere Jahrzehnte gebaut. Wer die Anlage zu klein dimensioniert, bezahlt pro installierter Leistung häufig mehr. Sinnvoller ist es meist, die verfügbare Dachfläche gut auszunutzen, den Eigenverbrauch möglichst zu optimieren. Bei sehr grossen Dachflächen gibt es verschiedene Finanzierungsmöglichkeiten. Zudem stehen verschiedene Fördermöglichkeiten zur Verfügung, die je nach Situation eine sinnvolle Investitionsgrundlage sicherstellen.

    Ja. Mit Modellen wie dem Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (ZEV), dem virtuellen Zusammenschluss zum Eigenverbrauch (vZEV) oder einer lokalen Elektrizitätsgemeinschaft (LEG) kann Solarstrom innerhalb eines Gebäudes, zwischen mehreren Gebäuden oder innerhalb einer Gemeinde verkauft werden.

    Grundsätzlich ja. In der Schweiz sind Verteilnetzbetreiber gemäss Artikel 15 des Energiegesetzes (EnG) verpflichtet, Strom aus erneuerbaren Energien abzunehmen und zu vergüten. Dazu gehört auch überschüssiger Solarstrom aus Photovoltaikanlagen.

    Je nach Netzsituation können jedoch technische Vorgaben gelten, beispielsweise eine Begrenzung der Einspeiseleistung oder andere netzdienliche Massnahmen. Solche Anforderungen werden in der Regel bereits bei der Planung einer Photovoltaikanlage berücksichtigt und mit dem zuständigen Netzbetreiber abgestimmt.

    Übersicht